ArunGandhi 1000x193

 
  • Sein Leben
  • Meine Arbeit ist überall auf der Welt die gleiche. Verständnis, Liebe und Respekt zu verbreiten und den Menschen zu vermitteln, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben.

    Arun Gandhi


    Arun Gandhi kommt 2010 nach Deutschland
  • Home
  • Tour Europe
  • Tour USA
  • Schriften
  • Artikel
  • Biographie
  • Bücher
  • Gandhi für Kinder
  • Impressum
  • Videos

Biographie » Sein Leben

Kindheit in Südafrika

Arun Gandhi wurde am 14. April 1934 in Südafrika geboren. Er hatte zwei Schwestern eine jüngere (Sita) und eine ältere (Ela).

Schon früh lernten die Kinder die Gewaltfreiheit von ihren Eltern.  Wenn die Kinder etwas falsches gemacht hatten, wurden sie nie dafür bestraft. Die Eltern suchten den Fehler bei sich, und nicht bei ihren Kindern.

Eines Tages, als Aruns Vater Schokolade gekauft hatte, hat Arun sie sich heimlich genommen und alleine gegessen. Als er erwischt wurde, musste die ganze Familie für drei Monate ohne Schokolade auskommen. Die Kinder sollten dabei lernen, dass alle die Fehler von anderen zu spüren bekommen.

Im Altern von zehn Jahren wurde Arun von weißen Jugendlichen verprügelt, weil sie ihn für schwarz hielten. Wenig später verprügelten schwarze Jugendliche Arun, weil die ihn wiederum für zu weiß hielten.

Arun wurde so wütend, dass er daraufhin Krafttraining machte, um sich später an diesen Jugendlichen rächen zu können. Arun meinte, er sei gewaltintensiver als jemand, der das nicht erlebt hat.  In diesem Alter war seine Vorstellung von Gerechtigkeit „Auge um Auge, Zahn um Zahn".  Aber der Weg, den Arun gewählt hatte, war selbstmörderisch. Er wurde zu dem, was er immer am meisten gefürchtet hatte: Ein Mensch, der seine Wut nicht kontrollieren konnte.

Als seine Eltern merkten, dass in ihm solche Wut gärte , schickten sie ihn für zwei Jahre nach Indien zu seinem Großvater Mahatma Gandhi.

Bis dahin hatte die Familie in einem alten Bauernhaus gelebt, das schon fast in sich zusammen gefallen war. Es hatte riesige Löcher in den Wänden aus Wellblech, sodass Tiere wie Schlangen, Ratten, Skorpione und Spinnen ins Haus gelangen konnten. Das Dach war ebenso löchrig und während der Regenzeit kam fast so viel Regen durch, dass man meinen konnte, es wäre kein Dach da gewesen.

Nachts aufzustehen war für die Kinder ein schreckliches Erlebnis gewesen: Sie hatten im Haus keinen Strom und mussten immer Angst haben, dass eine Schlange neben dem Bett oder auf der Toilette sein könnte. 

Erst kurz bevor Arun mit seinen Eltern nach Indien fuhr, ist die Familie in ein Haus in der Nähe der „Phoenix Farm"  gezogen. Dieses Haus war aus Zement gebaut, hatte Fließboden, gemütliche Betten, weiche Sessel, Glastüren und -fenster, Isolierung und sogar Elektrizität.

Die „Phoenix Farm" lag in Süd-Afrika, in der Nähe von Durban. Aruns Großvater Mahatma Gandhi hatte sie als das erste „Ashram" erbaut. Es war ein Experiment um Tabus aufzubrechen und Mobbing zu verhindern. Vor allem sollte es den Menschen lehren, Respekt voreinander zu haben und einander zu verstehen. In solch einem „Ashram" stellte sich eine Familie aus hunderten von Fremden zusammen. Alle mussten mitarbeiten und alle Arbeiten waren gleich wichtig: Toilette putzen, sich um das Vieh kümmern, kochen, Dinge reparieren usw.

Mahatma Gandhi hatte alle eingeladen, die sich für das Experiment interessierten. Erst kamen nur seine Verwandten, später kamen Freunde und Unbekannte dazu, um an seinem Experiment teilzunehmen.

Aruns Großvater Mahatma Gandhi

Nach einer zehntägigen Reise kam Arun mit seiner Familie im Sevagram Ashram an. Sie waren 18 Stunden lang mit dem Zug von Bombay nach Wardha (der nächste Bahnhof zum Sevegram Ashram) gefahren. Arun sagte, es sei fantastisch gewesen, mit all den Leuten zusammen zu sein. Es war die erste so lange Zugfahrt gewesen, an die er sich erinnern konnte.

Der Sevegram Ashram lag mitten im Nirgendwo. Von dort waren es sechs Meilen (fast 11 Kilometer) bis zum nächsten Bahnhof. Mahatma Gandhi hatte diesen Platz für das Ashram ausgesucht, weil er dort ungestört denken konnte. Es kamen keine „Fans", sondern nur Leute, die wirklich ihr Leben verändern wollten her. Denn entweder liefen sie sechs Meilen, oder sie bestellten ein teures Taxi oder eine Kutsche.

Als Arun mit seinen Eltern am Bahnhof ankamen, bestellte sein Vater eine Kutsche für Ela, Arun und das Gepäck, während er und seine Frau zu Fuß gingen. Da sagte Arun: „Papa, wenn du läufst, laufe ich mit dir."

Arun hatte keine Ahnung gehabt, wie es ist, zur Mittagszeit auf einem Dreckpfad sechs Meilen zu laufen. Doch er beherrschte sich und lief den ganzen Weg. Er wollte nicht nur seine Eltern beeindrucken, sondern auch seinen Großvater.

Als sie im Sevegram Ashram ankamen, hatte Arun den Eindruck, dass sie einen Palast beträten, obwohl die Hütten nur aus Erde bestanden und nur einfache Strohdächer hatten. Es gab kaum Bäume und nirgendwo Rasen. Mahatma Gandhi wollte, dass das Ashram so einfach aufgebaut war, denn er wollte keine große Lücke zwischen sich und den Leuten, denen er diente. Das benachbarte Dorf war auch sehr arm.

Manche Menschen wussten, dass Aruns Familie kommen wollte, aber es galt die Regel im Ashram, dass nicht viele Leute über das Kommen und Gehen der anderen Bescheid wussten.

Die Familie ging zum Onkel von Aruns Mutter, Kishorelal Mashruwala. Er und seine Frau Gomti hatten dort eine Hütte gebaut. Nachdem sie dort gegessen hatten, gingen sie zu Mahatmas Hütte, die nur spärlich möbliert war: Eine Strohmatratze auf dem Boden und Heuballen für die Besucher zum Draufsitzen. Sein Großvater war nicht so, wie Arun ihn sich vorgestellt hatte: Er war zugänglich, liebevoll,  und er hatte eine Art an sich, dass Leute sich sofort wie zu Hause fühlten. Arun hatte jedoch erwartet, dass er sich wenig Zeit für sie nehmen würde, weil er Wichtigeres zu tun hätte. Doch er nahm sich viel Zeit für sie. Die Leute, die währenddessen herein kamen, gingen wieder, weil sie merkten, dass es eine familiäre Angelegenheit war. Arun sagt, er könne immer noch das Lachen seines Großvaters hören und das Funkeln in seinen Augen sehen, als Aruns Vater ihm erzählte, dass Arun den ganzen Weg vom Bahnhof bis hierher gelaufen sei. Mahatma klopfte Arun leicht und liebevoll auf den Rücken und sagte: „Ich bin beeindruckt!"

Arun war sehr aufgeregt, als er am späten Nachmittag desselben Tages erfuhr, dass seine Eltern ihn und Ela bei ihrem Großvater im Ashram lassen wollten. Seine Eltern wollten währenddessen durch Indien reisen um Freunde und Verwandte zu besuchen.

Im Ashram galten sehr strenge Regeln: Um 4:30 Uhr für das Morgengebet aufstehen und nur sehr einfaches Essen. Kaum jemand würde im Alter von zwölf Jahren so leben wollen, doch Arun glaubt, er wollte damals einfach im Mittelpunkt stehen. Außerdem hatte er sich bei seinem Großvater sehr wohl gefühlt.

Auch Mahatma hat ein sehr einfaches Leben geführt und jeder, der im Ashram leben wollte, musste sich dem einfachen Leben anpassen. Wie auch im Phoenix Ashram in Südafrika, musste jeder auch „niedrige" Aufgaben verrichten, und jede Woche wechselten die Aufgaben für die Arbeitsgruppen.

Die erste Woche war für Ela und Arun sehr anstrengend, denn jeden Tag gab es Morgens, Mittags und Abends das selbe zu Essen: Gekochter Kürbis ohne Salz oder andere Gewürze. Alle dachten, das Essen war Mahatmas Wille, doch da er auf Diät war, wusste er nicht, was alle anderen aßen. Nur Munnalalji schien das Essen zu genießen. Er war für den Gemüsegarten zuständig. Nach drei Tagen konnten Arun und Ela es nicht mehr aushalten und beschwerten sich bei ihren Eltern. Die dachten auch, dass Mahatma wollte, dass sie das essen. Aber weil Ela erst fünf Jahre alt war und es nicht mehr aushielt, ging sie am nächsten Tag ohne vorher jemanden zu fragen zu ihrem Großvater und sagte: „Großvater, ich glaube du solltest den Namen vom Ashram ändern."

„Warum?", fragte er erstaunt.

Daraufhin antwortete Ela: „Weil wir seit unserer Ankunft nur gekochten Kürbis gegessen haben."

Mahatma wollte die Einzelheiten wissen. Anschließen rief er alle zusammen und fragte Munnalalji, was los sei. Er antwortete, dass er ein ganzes Feld voller Kürbis gepflanzt hatte. Mahatma sagte zu ihm, er hätte bis zum nächsten Tag Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was er mit all den Kürbissen anfangen wollte. Am nächsten Morgen tauschte Munnalalji die Kürbisse im nächsten Dorf gegen anderes Gemüse ein.

Ela war die Heldin im Dorf, denn niemand anders hätte sich getraut, Mahatma danach zu fragen.

Mahatma Gandhi wusste, was Arun in Südafrika durchgemacht hatte. Er wusste, dass er mit ihm sprechen musste, um seine Wut in positives Handeln zu wandeln. Die Gelegenheit bot sich bald, als Arun wegen dem Verhalten eines anderen Kindes weinend zu ihm kam. Er bat Arun, sein Spinnrad zu holen und sich eine Geschichte erzählen zu lassen. Das Spinnen bedurfte Meditation und Konzentration.

Mahatma erzählte: „Es gab einmal einen Jungen, der genauso alt war wie du. Doch er war sehr reizbar. Wenn ihn jemand ärgerte, rastete er aus und am Ende weinte er immer. Nach einer Weile hatte er kaum noch Freunde. Die wenigen, die ihm geblieben waren, hatten Spaß daran, ihn zu ärgern und seine Reaktion zu beobachten. Als er älter wurde, geriet er eines Tages in einen Streit. In seiner Wut brachte er jemanden um. In dem Moment, als seine Wut die Kontrolle über seinen Körper gewonnen hatte, zerstörte der Junge sein Leben."

Dann gab Mahatma Arun ein Blatt Papier und sagte: „Wut ist wie Elektrizität. Wenn man sie klug einsetzt, dann ist sie sehr hilfreich. Doch wenn man sie falsch einsetzt, ist sie für uns eine Gefahr. Nimm das Blatt Papier und schreib auf die Vorderseite alle guten Dinge und auf die Rückseite alle schlechten."

Arun fielen gleich viele gute und schlechte Dinge ein. Er gab das Blatt seinem Großvater der daraufhin sagte: „Gut. Nun gebe ich dir noch ein Blatt Papier und du machst das Selbe mit Wut."

Arun fand reichlich schlechte Punkte, aber nicht einen einzigen guten.

Mahatma wollte, dass Arun sich eine Liste machte, wo er aufschrieb, wann, wo und durch wen er wütend wurde und wie es das vermeiden konnte.

Eines Tages saß Arun in seinem Zimmer und bastelte ein Autogrammbuch. Mahatma Gandhi verkaufte Autogramme für fünf Dollar, um Geld für den Ashram zu bekommen. Als die Mutter von Aruns Kusine herein kam, fragte sie Arun: „Was machst du da?"

Er antwortete: „Ich mache mir ein Autogrammbuch, in das mein Opa reinschreiben kann."

Sie fragte weiter: „Hast du denn fünf Dollar?"

Arun antwortete: „Nein, aber er ist mein Opa!"

„Du wirst schon sehen. Lass dich überraschen!", sagte seine Tante und ging.

Mahatma gab Arun kein Autogramm, solange dieser keine fünf Dollar bezahlen konnte wie jeder andere auch. Arun nervte seinen Großvater immer wieder, um kostenlos das Autogramm zu bekommen. Als er dann immer noch keins bekam, gab er schließlich auf. Nach diesem Ereignis entschied sich Mahatma dafür, Arun einen Stundenplan zu machen. Eine Stunde mit ihm, spielen und die Aufgaben des Ashrams erledigen. Mahatma war sehr wichtig, dass Arun den Stundenplan strikt befolgte.

In allen Ashrams, die Mahatma gegründet hatte, musste man um 4:30 Uhr morgens aufstehen um sich zu waschen und danach im Gebetssaal zu beten. Eines Tages wollte Aruns Kusine Manu nicht aufstehen und blieb einfach liegen. Als Mahatma kam, stand sie schnell auf und sagte, sie würde gleich kommen. Doch stattdessen hat sie sich wieder hingelegt und ist eingeschlafen. Als sie die anderen hörte, stand sie schnell auf und behauptete, sie hätte ihr langes Haar so lange kämmen müssen. Anstatt sie zu bestrafen sagte Mahatma, sie solle ihr Haar in Zukunft kürzer tragen. Als wurde ihr Haar kürzer geschnitten.

Der spätere Premierminister Pundit Jawaharla Nehru kam öfters zu Mahatma, um mit ihm zu sprechen. Daher kannte Arun ihn sehr gut. Eines Tages kam Nehru und frage Arun, ob er schon gegessen habe. Arun antwortete, er habe noch nicht gefrühstückt. Daraufhin wollte Nehru wissen, was er essen wolle. Arun antwortete, er esse das was auch Nehru essen werde. Nehru glaubte nicht, dass das möglich sei, denn er würde Omelette essen. Er sagte zu Arun: „Geh und frag deinen Großvater."

Arun ging schnell zu Mahatma und fragte ihn, ob er ein Omelette essen dürfe. Darauf antwortete sein Großvater: „Wenn du schon mal Ei gegessen hast, darfst du natürlich Omelette essen."

Um schnell wieder zurück zu sein antwortete Arun: „Natürlich!"

Doch Arun hatte noch nie zuvor Ei gegessen und brachte das Omelette kaum herunter.

Einige Zeit später wurde er zu Mahatma gerufen. Dieser fragte ihn: „Kannst du dich erinnern, wie du vor ein paar Tagen zu mir gekommen bist, und mich gefragt hast, ob du ein Omelette essen darfst?"

Als Arun bejahte, fuhr Mahatma fort: „Du hast gesagt, dass du schon mal Ei gegessen hast. Nun erfahre ich von deinen Eltern, dass das Gegenteil der Fall ist. Was stimmt nun?"

Ohne zu zögern antwortete Arun: „Wir essen doch Kuchen. Ich dachte, da wäre auch Ei drin."

Mahatma lachte und sagte: „Ich glaube, du bist ein besserer Jurist als ich. Geh spielen, wenn du möchtest."

Was Arun sehr an Indien gefiel, war, dass es keine rassistischen Attacken gab, wenn man auf die Straße trat. Für Arun war es das erste Mal, dass wegen der Hautfarbe keine Unterschiede gemacht wurden.

Mahatma hatte Arun viel beigebracht, besonders über Geschichten von denen die meisten wahr waren. Einmal erzählte er die Geschichte von einem Jungen Namens Shravan und dem König Dasaratha, Sohn von Lord Rama. Drei Dinge wollte er Arun mit dieser Geschichte beibringen:

1.       Bringe weder ein anderes Wesen um, noch verletze es.

2.       Sei nie so hochmütig, dass du etwas tust, ohne in die Zukunft zu blicken.

3.       Sei fürsorglich, ehre und liebe deine Eltern und Kinder, denn alles was du ihnen gibst, wird dir zurückgegeben werden.

Als Arun eines Tages von der Schule nach Hause lief, betrachtete er seinen Bleistiftstummel, den er immer noch in der Hand hielt und dachte: ‚Der ist so klein, mit dem kann ich nicht mehr schreiben' und warf ihn weg.

Als er zu Hause ankam, fragte er seinen Großvater, ob er einen neuen Bleistift bekommen würde. Mahatma fragte ihn, wo denn sein alter sei. Darauf antwortete Arun: „Ich habe ihn weggeworfen."

Mahatma gab Arun eine Taschenlampe und forderte ihn auf, im Dunkeln nach dem Bleistiftstummel zu suchen. Nach zwei Stunden hatte er ihn endlich gefunden. Mahatma wollte Arun damit folgende Dinge beibringen:

  • Verschwende nie etwas. Die Ressourcen, die du verschwendest, nimmst du anderen Menschen weg.
  • Das ist Gewalt gegen die Natur.
  • Du weißt nicht, wie viel es kostet.
  • Die Menschen, die etwas herstellen, arbeiten so, dass jedes Stück perfekt ist.

Eine andere Geschichte, die Mahatma Arun erzählte, handelte von einem jungen Mann. Sein Haus war immer unordentlich und dreckig.

Eines Tages traf er eine Frau und ging mit ihr aus. Doch er nahm sie nicht mit nach Hause, denn sie sollte seine Unordnung nicht sehen. Als die beiden an einem Sonntag im Park spazieren gingen, pflückte die Frau eine rote Rose und gab sie dem Mann.

Zuhause suchte der Mann nach einer sauberen Vase für die Rose, doch es gab keine. So nahm er eine dreckige und wusch sie. Er füllte sie mit Wasser und stellte sie mit der Rose auf den Tisch. Doch auf dem dreckigen Tisch, sah sie fehl am Platz aus. Also machte der Mann auch den Tisch sauber. Daraufhin sah der saubere Tisch im dreckigen Raum komisch aus. Er entschloss sich, den ganzen Raum zu säubern. Dann passte jedoch der saubere Raum nicht zum Rest des Hauses. Schließlich reinigte der Mann das ganze Haus und konnte sogar seine Freundin nach Hause mitbringen.

Von dieser Geschichte sollte Arun lernen, dass ein kleines bisschen Liebe einen Menschen vollkommen verändern kann.

An einem sonnigen Nachmittag wollte Mahatma, dass Arun zu ihm kam. Er fragte Arun, ob er etwas neues lernen wolle. Er antwortete: „Natürlich!"

Arun sollte das Spinnrad seines Großvaters auseinander nehmen. Er setzte sich und befolgte Mahatmas Anweisungen. Dann gab sein Großvater ihm ein Stück Wolle und forderte ihn auf damit zu spinnen. Arun erwiderte: „Das geht nicht, weil das Spinnrad nicht zusammengebaut ist."

Mahatma sagte daraufhin nur: „Dann baue es wieder zusammen."

Während Arun es wieder zusammenbaute, nahm sein Großvater unbemerkt ein kleines Rädchen weg. Als Arun fast fertig war, bemerkte er, dass das Rädchen fehlte. Er bat seinen Großvater, ihm das Rädchen wieder zu geben.

Mahatma gab es ihm und sagte: „Jetzt siehst du, wie wichtig auch so kleine Dinge sind, vor allem hier. Ohne dieses Rädchen funktioniert es nicht. So ist auch jeder einzelne Mensch wichtig."

Da Aruns Eltern gewaltfrei lebten, knüpften sie schnell enge Kontakte zu anderen Menschen. Sie lehren Arun, dass er jedermanns Freund sein soll.  Manche seiner Freunde waren sehr arm und wurden von ihm, seiner großen Schwester und seinen Eltern unterrichtet. Arun lehrte ihnen, was er in der Schule lernte. Das waren zum Beispiel Hygieneregeln und Dinge über andere Länder. Im Gegenzug dazu brachten sie Arun Handwerk bei.

Jugend in Südafrika

Zurück in Südafrika lebte Arun wieder auf der Phönix Farm. Eines Samstags fuhr er mit seinem Vater in die Stadt. In die Stadt kam er nicht so oft, denn mit dem Auto dorthin zu fahren dauerte eine Stunde.

Arun war nicht sehr erfreut darüber, dass seine Eltern ihn zum Mechaniker und zum Einkaufen schickten wollten. Eigentlich wollte er Freunde besuchen und einen Film im Kino anschauen. Er dachte sich: ‚Wenn ich schnell bin, kann ich hinterher noch ins Kino gehen.'

Arun wollte sich einen Wild-West-Film anschauen. Er wusste, dass seine Eltern das nicht erlauben würden und sagte ihnen deshalb nichts davon.

Er brachte das Auto zur Werkstatt und erledigte noch schnell die Dinge, die seine Mutter ihm aufgetragen hatte. Danach ging er ins Kino und schaute sich den Film an. Als der Film zu Ende war, was es noch zu früh, um seinen Vater abzuholen. Also blieb Arun sitzen um den Anfang vom nächsten Film zu sehen. Arun war natürlich schnell so vertieft in den Film, dass er die Zeit vergaß. Als der zweite Film zu Ende war, war es schon halb sechs und eigentlich hätte Arun seinen Vater um halb fünf Uhr abholen sollen. Er rannte zur Werkstatt, holte das Auto und machte sich auf den Weg zu seinem Vater.  Der fragte natürlich, wo er gewesen sei. Arun log seinen Vater an und sagte: „Das Auto hat länger gebraucht in der Werkstatt."

Der Vater wusste, dass Arun nicht die Wahrheit sagte, denn er hatte in der Werkstatt angerufen und die Auskunft bekommen, dass Arun dort noch nicht aufgetaucht war.

Sein Vater sagte zu ihm: „Ich werde nach Hause laufen, damit ich darüber nachdenken kann, was ich falsch gemacht habe, dass mein Sohn lügt."

Arun konnte weder voraus fahren, noch warten bis sein Vater zu Hause war, denn es war viel zu gefährlich ihn bei Nacht alleine auf einem Feldweg nach Hause laufen zu lassen. Er konnte aber auch nicht mit ihm laufen, denn er musste ja das Auto zurück bringen. Also blieb Arun nichts anderes übrig, als die ganze Nacht im Schritttempo hinter seinem Vater herzufahren.

Inzwischen sind fünfzig Jahre vergangen, und Arun behauptet, seither nie wieder gelogen zu haben. Er glaubt, wenn er für die Lüge bestraft worden wäre, hätte er nichts daraus gelernt.

Als Arun eines Tages mit seiner Familie in die Stadt kam, wurde sie in einen rassistischen Kampf verwickelt. Der Kampf hatte bereits am Tag zuvor angefangen: Ein indischer Fischhändler soll einen afrikanischen Jungen geschlagen haben. Der ist daraufhin zu seinem Vater gegangen und hat es ihm erzählt. Der Vater des Jungen war zu diesem Zeitpunkt betrunken und ist mit ein paar Freunden zum Händler gegangen und hat eine Schlägerei mit ihm angefangen. Als es anfing zu regnen, hat sich der Vater mit seinen Freunden zurückgezogen. Doch am nächsten Tag ging die Schlägerei noch brutaler weiter. Einige Afrikaner sind durch die indischen Ladengassen gerannt, haben dort vieles demoliert und sogar Leute umgebracht.

Arun und seine Familie gingen ahnungslos in die Stadt und bemerkten die Aufruhr erst, als sie in der Einkaufspassage der Weißen angegriffen wurden. Sie wollten nach Hause fahren um zu sehen, was aus ihrem Haus geworden war. Ihre Freunde wollten sie aufhalten, doch sie gingen trotzdem.

Sie kamen heil durch die Stadt und erreichten die Stelle, die sie am meisten gefürchtet hatten: Ein Bahnübergang mit schweren Eisentoren. Als sie noch eine viertel Meile entfernt waren, sahen sie den Minibus ihrer Freunde vor sich. Auf einmal hörten sie die Glocke - das Warnzeichen, dass die Eisentore sich schlossen. In ihrer Nähe befand sich eine Bar mit vielen schwarzhäutigen Betrunkenen. Arun gab Vollgas um noch durch die herab fallende Schranke zu kommen. Die erste Schranke verfehlte sie knapp, die zweite knallte auf das Autodach, doch sie kamen hindurch. Ihre Freunde im Minibus hatten weniger Glück, denn sie kamen nicht mehr hindurch. Sie wurden aus ihrem Minibus gezerrt und wurden erschlagen.

Später erfuhren Arun und seine Familie, dass der weiße Arbeiter, der für die Schranken zuständig war, die Schranken zehn Minuten früher geschlossen hat, als er eigentlich sollte.

Wieder in Indien

Als Arun wieder einmal in Indien zu Besuch war, wurde er krank und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Dort lernte er seine spätere Frau Sunanda kennen. Sie war Krankenschwester. Als er ihr sagte, dass er sich in sie verliebt habe, erwiderte sie, dass sie keine Beziehungen mit ihren Patienten haben dürfe. Arun hat sich daraufhin selbst aus dem Krankenhaus entlassen und zu Sunanda gesagt: „Jetzt bin ich nicht mehr dein Patient, nun kannst du eine Beziehung mit mir haben."

Sunandas Eltern hatten das Britische System gemocht und waren deshalb gegen die Familie Gandhi. Sie wollten nicht, dass die beiden heirateten. Doch Sunanda setzte sich durch und heiratete Arun.  In Indien wird eine Hochzeit mit vielen Verwandten gefeiert, doch von Sunandas Familie kam nur ihr Onkel.

Arun wollte mit seiner Frau zurück nach Afrika, doch Sunanda durfte nicht einreisen. Also gingen sie zurück nach Indien, wo Arun für „The Times of India" arbeitet.

Im Jahr 1968  begegnete Arun in Bombay auf einem Schiff einem erfolgreichen weißen Parlamentarier aus Südafrika. Dieser war auf dem Schiff, mit dem ein indischer Freund von Arun aus Südafrika ankam. Der Parlamentarier war als strenger Rassist und für sein Engagement für Apartheit (Politik der Rassentrennung) bekannt.

Arun hatte 22 Jahre lang in Südafrika gelebt und durfte nach der Heirat seiner indischen Frau nicht mehr nach Südafrika einreisen. Daher war sein erster Gedanke als der den Parlamentarier sah, ihm zu sagen, er solle ins Meer springen. Stattdessen reichte Arun ihm die Hand und lud ihn zu sich ein. Er zeigte dem Parlamentarier und seiner Frau drei Tage lang Bombay und behandelte sie wie ehrwürdige Gäste. Als sie ihre Gäste danach verabschiedeten, hatte der Parlamentarier Tränen in den Augen.

Arun stellte sich später die Frage: Wenn er so reagiert hätte, wie er es zuerst vorgehabt hatte, hätte er diesen Menschen verändert? Dadurch, dass Arun den Parlamentarier zu seinem Freund gemacht hatte, mit ihm geredet und ihm die schlechten Seiten der Apartheid aufgezeigt hatte, war er in der Lage gewesen, einen Menschen zu ändern, der in seiner Vergangenheit ein radikaler Rassist gewesen war. Das ist die Macht einer Kultur der Gewaltlosigkeit. Sie kann Menschen ändern durch Liebe, Verständnis und Respekt.

Vor ungefähr 30 Jahren hat Arun auf einer Zugfahrt einen Jungen kennen gelernt, der ihm Süßigkeiten verkaufen wollte. Arun bat den Jungen, ihm von seinem Leben zu erzählen. Er sagte, bevor er etwas zu essen bekommt, müsste er die Süßigkeiten verkaufen, die seine Mutter jeden Abend machte. Es war zu diesem Zeitpunkt schon nach fünf Uhr Nachmittags und der Junge hatte noch nichts zu essen bekommen. Er durfte auch nicht klauen oder die Regeln missachten.

Das Leben der Armen hat sich in den letzten 30 Jahren nicht sehr verändert. Es arbeiten noch immer unzählige Kinder das ganze Jahr über lange Schichten. Viele von ihnen sind in Waisenhäusern untergebracht. Junge unverheiratete Frauen lassen ihre Babies oft am Straßenrand liegen, weil Frauen in Indien keine Kinder bekommen dürfen, bevor sie verheiratet sind. Aber auch viele Kinder, die in einem Waisenhaus unterkommen, sterben vor Hunger, weil die Waisenhäuser meistens sehr arm sind.

Arun und Sunanda entschieden sich, etwas dagegen zu unternehmen. Sie retteten über 30 Kinder von den Straßen und Müllkippen und brachten sie in Pflegefamilien in Indien und Schweden unter. Als Arun und Sunanda in Schweden zu Besuch waren und sich mit den Kindern trafen, wollten die Kinder wissen, wer ihre Eltern waren. Arun sagte: „Das kann ich euch nicht sagen, ihr wurdet ohne Papiere gefunden."

Daraufhin haben die Kinder Arun und seine Frau umarmt und gesagt: „Jetzt wissen wir, wer unsere Großeltern sind."

Arun, Sunanda und einige Kollegen haben das „Center for Social Unity" (Zentrum für Soziale Einheit) gegründet, um dem Kastensystem in Indien entgegenzuwirken. Das Kastensystem ist eine hierarchische Aufteilung der Gesellschaft in streng voneinander getrennte Schichten (Kasten). Obwohl Diskriminierungen von Menschen aus verschiedenen Kasten mittlerweile unter Strafe gestellt sind, ist das Kastenwesen des Hinduismus in Indien immer noch weit verbreitet.

Das Center for Social Unity ist inzwischen in ganz Indien vertreten und hat schon über 300 Dörfern und rund 500.000 Menschen geholfen.

USA

Im Jahr 1987 reisten Arun und Sunanda in die USA, um eine wissenschaftliche Studie über Unterschiede zwischen dem indischen Kastensystem und der Rassentrennung in Nord- und Südamerika durchzuführen. Im Oktober 1991 gründeten die Gandhis in Memphis das „M.K. Gandhi Institute for Nonviolence" (M.K. Gandhi Institut für Gewaltfreiheit). Seit 2007 ist es in Rochester, wo Arun nun auch wohnt.

Europa

Im Mai 2009 hat Arun eine Vortragsreise durch Deutschland und die Niederlande gemacht. Er war ein Wochenende lang im Kloster Heiligkreuztal bei Riedlingen und hat zudem Vorträge in Rottweil, Rottenburg, Tübingen, Worms-Bolanden, Furtwangen, Trossingen, Königsfeld, Stuttgart, VS-Schwenningen, Pfullendorf, Freiburg, Schramberg und Frankfurt gehalten. In Niederlande hielt er Vorträge in Utrecht, Amsterdam und Rotterdam.

Im Sommer 2010 wird Arun erneut eine Tour durch Süddeutschland machen, vielleicht wird diese jedoch aufgrund seines Alters die letzte sein.

Arun hatte die Idee, eine kostenlose Schule für die armen Kinder der Dörfer zu bauen, die sonst keine Chance auf Bildung hätten. So geraten die Kinder und ihre Familien nicht in den Teufelskreis der Stadt. Ein guter Ort wurde in Kolhapur, Indien gefunden. Aber um die Schule zu erreichten, brauchte Arun Geld. Er gründete das „Arun und Sunanda Gandhi Bildungswerk". Die Schule wurde in Gedenken an seine Frau „Sunanda Gandhi Gedenkschule" genannt. Sunanda war im Februar 2007 gestorben.

Die wichtigsten Ziele der Schule sind:

  • Jungen und Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.
  • Eine Berufsausbildung für die Kinder garantieren.
  • Die Lehre der Gewaltfreiheit von Mahatma Gandhi weitergeben.
  • Den im Dorf lebenden Familien ermöglichen, als Familiensystem unabhängig zu werden und nicht wegen Arbeitsplatzmangel in die Großstädte ziehen zu müssen.

Copyright © 2010 | Arun und Sunanda Gandhi Bildungswerk UG (haftungsbeschraenkt)