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Artikel » Liebe und Leid

Liebe und Leid statt „Auge um Auge"

Artikel in "Die Brücke" 2/2009

„Sei du selbst die Veränderung in der Welt, die du sehen möchtest." Unter diesem Motto besucht Professor Arun Gandhi im Mai Deutschland. Er ist der fünfte Enkelsohn von Mahatma Ghandi und setzt sich, wie schon sein Großvater, für Gewaltlosigkeit ein.

Arun Gandhi will durch die Reise die besondere Lehre seines Großvaters in Deutschland bekannter machen. Als Kind hat ihn Mahatma Ghandi über zwei Jahre lang Tag für Tag unterrichtet. Darüber hinaus berichtet der indische Gast über seine Arbeit am Institut für Gewaltlosigkeit, das er gemeinsam mit seiner Frau in Rochester, New York (USA), leitet. Auch die Arbeit mit seiner Stiftung „Gandhi for Children", die Kinder und deren Familien in Indien unterstützt, sind Bestandteile seiner vielzähligen Vorträge, die er im Mai an verschiedenen Orten in Süddeutschland halten wird.

Doch wer ist überhaupt dieser Enkel von Mahatma Gandhi? Welche Ziele und Absichten verfolgt er mit seiner Arbeit? Was hat ihn sein Großvater genau gelehrt? Was zeichnet seine Arbeit vor allem aus?

Zur Person Arun Gandhi

Arun Gandhi wurde 1934 in Durban, in Südafrika, als fünfter Enkel von Mohandas K. „Mahatma" Gandhi geboren, der als Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung in die Geschichte einging. Er wuchs unter den diskriminierenden Apartheid-Gesetzen Südafrikas auf, wurde von den Weißen zusammengeschlagen, weil er zu schwarz war, und von den Schwarzen, weil er zu weiß war. Daher strebte er zunächst nach Gerechtigkeit und dem Grundsatz „Auge um Auge". Von seinen Eltern und Großeltern lernte er, dass Gerechtigkeit nicht mit Rache gleichzusetzen ist, sondern dass dies bedeutet, den Gegner durch Liebe und Leid umzuformen
Die Lehren Mahatma Gandhis

Es war vor allem „Gewaltlosigkeit", die ihn sein Großvater lehrte. „Wenn wir wissen, wie viel passive Gewalt wir aneinander verüben, werden wir verstehen, warum die Gesellschaft und die Welt so stark an physischer Gewalt leiden muss", sagte Mahatma Gandhi. In täglichen Unterrichtsstunden lehrte er seinen Enkel Arun, die Struktur von Gewalt und Wut zu verstehen und diese in positive Energien umzulenken.

Der Sozialentrepreneur

Darüber hinaus beschäftigt sich Arun Gandhi mit vielfältigen sozialen Programmen. Kurz nach seiner Heirat mit Sunanda informierte sie der südafrikanische Staat, dass es ihr nicht gestattet sei, ihn nach Südafrika zu begleiten. Sunanda und Arun Gandhi entschieden sich daraufhin, in Indien zu leben. Dort arbeitete Arun Gandhi 30 Jahre lang als Journalist für „The Times of India". Arun und Sunanda Gandhi bauten gemeinsam Projekte für die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Umstände auf, indem sie innovative Programme - die „Kernsubstanz" der Philosophie der Gewaltlosigkeit Gandhis - ins Leben riefen. Diese besondere Art sozialen Engagements veränderte nachhaltig das Leben von mehr als einer halben Million Menschen in über 300 Dörfern - eine Zahl, die stetig zunimmt. Sunanda starb im Februar 2007, und die Familie arbeitet seither in ihrem Namen weiter an der Errichtung einer Schule in einem der ärmsten Teile des ländlichen Indiens.

Der Autor

Arun Gandhi ist Autor einiger Bücher, darunter „A Patch of White", ein Bericht über das Leben im von Rassenvorurteilen geprägten Südafrika. Er schrieb ebenfalls zwei Bücher über Armut und Politik in Indien. Überdies verfasste er einen Zitatenschatz „M. K. Gandhi's Wit & Wisdom". Außerdem hat er ein Buch mit Aufsätzen über eine gewaltfreie Welt herausgegeben. Gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Frau verfasste er auch einige Bücher über die Rolle und die Rechte der Frauen, so zum Beispiel über „The Forgotten Woman: The Untold Story of Kastur, the Wife of Mahatma Gandhi" (Deutsch: „Die vergessene Frau: Die unbekannte Geschichte von Kastur, der Frau von Mahatma Gandhi").
Der Aufbau des „Gandhi Worldwide Education Institute"

Arun Gandhi und seine Frau Sunanda arbeiteten fast 30 Jahre in Indien zusammen mit Freunden, um unterdrückten und verlassenen Kindern zu helfen. Dabei verwendeten sie Gandhis Philosophie, die das Wohlergehen aller Bürger als oberstes Ziel verfolgt. Sie retteten fast 130 verlassene Kinder, die bei ihnen ein neues Zuhause fanden und entwickelten mehrere wirtschaftliche Programme, die erfolgreich das Leben mehrerer tausend verarmter und von Armut bedrohter Menschen veränderte. Im Mai 2008 wurde das „Gandhi Worldwide Education Institute" (Gandhi Institut für Weltweite Bildung) in den Vereinigten Staaten von Arun Gandhi ins Leben gerufen. Ziel ist es hierbei, wirtschaftlich benachteiligte Regionen der Welt zu fördern. Gandhi verfolgt dabei den Ansatz der gemeinsamen Förderung von Eltern und deren Kindern, da für ihn eine nachhaltige Förderung zwingend alle Generationen mit einschließen muss.

Ein Zweck der im Mai stattfindenden Tour durch Deutschland ist es auch Gelder für dieses Projekt zu sammeln, gemäß dem afrikanischen Sprichwort: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, können das Gesicht der Welt verändern."

Simon Kamenowski,

Mitglied in der Baptistengemeinde Metzingen und im AK Kinder des juwe

 

Arun Manilal Ghandi, Enkel von Mahatma Ghandi und vom 5.-24.5. in Süddeutschland und den Niederlanden unterwegs und unter anderem am 7. Mai auch in der Mennonitengemeinde Weierhof zu Gast. Simon Kamenowski sprach für DIE BRÜCKE mit ihm:

Was ist der Zweck Ihrer Deutschlandreise? Welche Erwartungen haben Sie?

Ich denke, dass Deutschland, genau wie der Rest der Welt, müde ist von der zunehmenden Gewalt, die in jedermanns Leben eingreift. Ich denke, dass die Deutschen bereit sind, sich mit möglichen Alternativen zur Gewalt auseinanderzusetzen. Ich lernte von meinem Großvater, dass wenn Menschen die Ursache von Gewalt sind, sie auch bereit sein sollten, friedliche Lösungen zu finden. In der Vergangenheit dachte man, Frieden könne erreicht werden, indem man die „bösen Leute" tötet, aber das hat nur zu mehr Gewalt und Streit geführt. Gandhi sagte, dass wir alle zu Gutem und Schlechtem fähig sind, und dass alles von den Umständen abhängt, in denen wir uns befinden. Wenn wir von Liebe, Respekt und Mitgefühl umgeben sind, werden wir mit Freundlichkeit antworten, aber wo es nur Hass, Vorurteile, Ausbeutung und Unterdrückung gibt, antworten wir mit Gewalt. So komme ich nach Deutschland um die Botschaft, die ich von meinem Großvater erhielt, weiterzugeben. Wie ein Bauer möchte ich Samen von Liebe und Respekt in die Menschen pflanzen und erhoffe mir, dass die Deutschen jene Samen nähren und ihr Leben verändern.

Was denken Sie über Deutschland und was kann dieses Land von den Ideen Ihres Großvaters lernen?

Das erste Mal, als ich nach Deutschland kam, war in den späten 70er Jahren. Ich war sehr beeindruckt von der Schönheit und dem ordentlichen Leben, aber es war mir nicht möglich, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, zum einen wegen der Sprache und zum anderen, weil meine deutschen Gastgeber mir keine Möglichkeiten zur Interaktion mit anderen anboten. Aber ich bin sicher, dass es in Deutschland nicht anders ist als anderswo und dass die Menschen auf Liebe mit Liebe antworten.

Wie würden Sie heute die Ziele Ihrer Arbeit für die Welt benennen? Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit in den USA und mit der Stiftung „Gandhi für Kinder"?

Meine Arbeit ist überall auf der Welt die gleiche: Verständnis, Liebe und Respekt zu verbreiten und den Leuten zu vermitteln, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Wenn sie Frieden wollen, können sie ihn schaffen, das gleiche gilt auch für Gewalt. Meine Botschaft ist die meines Großvaters „Wir müssen selbst die Veränderung verkörpern, die wir in der Welt sehen wollen". Da ich älter werde, versuche ich das Tempo zu erhöhen und die Botschaft meines Großvaters mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen. Das Ziel des „Gandhi für Kinder" Programms ist es, den sehr armen und benachteiligten Kindern dieser Welt Hoffnung für die Zukunft zu geben und etwas Unterstützung, um sie und ihre Familien aus Armut und Not zu ziehen. Jene von uns, die ein privilegiertes Leben führen und es auch genießen wollen, müssen auch die Verantwortung erkennen, die wir haben, diesen Wohlstand mit denen zu teilen, die gar nichts haben. Unsere Sicherheit und die Sicherheit der Welt hängen mit der Sicherheit und dem Wohlwollen der Unterprivilegierten zusammen.

Was unterscheidet Ihre Arbeit in Indien von anderen Wohlfahrtsprogrammen? Sie kümmern sich auch um Bildung für Kinder und ihre Eltern. Was sollte das Hauptziel von Bildung sein?

Was unser Projekt unterscheidet ist, dass wir uns bemüht haben von den Fehlern zu lernen, die andere in der Vergangenheit gemacht haben. Beispielsweise wurden viele Schulen für die Armen gebaut und Schulgebühren abgeschafft, aber es sind allein in Indien immer noch über 90 Millionen Kinder unter zehn, die so in Armut gefangen sind, dass sie nicht zur Schule gehen können, weil sie kein Geld haben, sich Bücher, Kleider oder Essen kaufen. In manchen Fällen, wo solche Kinder von Armut gerettet worden sind und in Internaten unterrichtet wurden, endeten sie als Außenseiter. Sie wollten nicht zurück zu den Familien, die weiterhin in Armut leben, konnten aber auch nicht mit den besser situierten Jugendlichen aus der Stadt um Jobs in Fabriken und Büros konkurrieren. Das klassische Schulsystem bildet Technokraten und Bürokraten heran, die sich in eine industrialisierte Gesellschaft einfügen können. Es hilft niemandem, eigenständig zu werden und befähigt nicht dazu, Hände und Gehirn zu nutzen, um etwas zu produzieren, wovon sie leben könnten. Unser Programm vermittelt grundlegende Ausbildung plus berufliches Training in Lowtech-Bereichen, und wir kümmern uns um ganze Familien statt um einzelne Kinder.

Viele Menschen fürchten derzeit um ihre Arbeitsplätze. Kann man von diesen Menschen wirklich Hilfe für Entwicklungsländer erwarten?

Ich verstehe die Sorgen der Menschen, die ihre Arbeit verlieren, und fühle mit ihnen in Liebe und Hoffnung. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir nur eine Anstellung verlieren und vermutlich bald wieder eine andere Stelle finden und wieder fest im ökonomischen Sattel sitzen. Wenn nicht, gibt es immer noch die Regierung und das Soziale Netz, das unsere Arbeitslosigkeit auffängt. Aber es gibt Millionen von Menschen, die nie eine Arbeit gehabt haben und auch nie eine bekommen werden, die nicht wissen, ob sie genug für die nächste Mahlzeit haben werden oder hungern müssen, deren Kinder unterernährt sind und um Nahrung betteln müssen und für die es absolut keine Hoffnung gibt. Wir alle stehen in der Verantwortung, so viel zu geben, wie wir können, um das Leben derer zu verändern, die gar nichts haben. Jeder Tropfen füllt schließlich den Eimer.

Was denken Sie war die wichtigste Botschaft Ihres Großvaters Mahatma Gandhi, und glauben Sie, dass seine Lehre heute noch relevant ist?

Ich denke die wichtigste Botschaft meines Großvaters war, dass Zivilisation nicht daran gemessen wird, wie viele Autos wir besitzen oder was wir auf dem Konto haben, sondern daran, was wir für unsere Mitmenschen in Not getan haben. Wenn die Milliarden, die für Militär und Massenvernichtungswaffen ausgegeben werden, stattdessen dafür verwendet würden, Armen und benachteiligten Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, dann hätten wir im 21. Jahrhundert keine Millionen von Menschen die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssten. In Gandhis Botschaft ging es darum, Liebe, Respekt, Verständnis und Mitgefühl wieder in den Menschen zu entfachen, darum wird seine Lehre immer relevant bleiben. Wenn wir das als irrelevant betrachten, dann helfe uns Gott, dann sind wir keine zivilisierten Menschen, sondern nur mehr Wilde.

Ihr Großvater war eine sehr resolute Person, was war die wichtigste Lektion, die Sie von ihm lernten? Was glauben Sie würde Mahatma uns heute über diese Dinge lehren, wenn er noch am Leben wäre?

Ja, ich glaube dass er eine sehr resolute Person mit einem sehr starken Charakter war. Er war erfüllt von Liebe, Respekt und Mitgefühl für alles was lebt und zeigte uns, dass es möglich ist, als guter mitfühlender Mensch zu leben. Ich glaube er hätte einfach Zentren überall auf der Welt gegründet, um dort Menschen auszubilden und sie zur Aufgabe von Gewalt und Intoleranz zu bewegen. Er hätte Regierungen gezwungen, mehr für das Gute der Menschheit auszugeben, statt für die Zerstörung der Menschheit.

Sie sprechen über Gewaltlosigkeit, ist das nicht nur ein anderer Begriff für Pazifismus?

Gewaltlosigkeit ist nicht dasselbe wie Pazifismus, worunter ich verstehe, gar nichts zu tun. Gewaltlosigkeit ist eine sehr aktive Kraft. Es beinhaltet, etwas zu tun um die Gesellschaft umzuwandeln, Denkweisen von Menschen zu verändern und sich auf friedvolle und respektvolle Weise zu verhalten.

Was halten Sie für die größte Herausforderung unserer Zeit für die Welt und für ihre Arbeit?

Was die Welt heute erfährt, ist eine extreme Gier, die vom Materialismus kommt. Die Gier führt zur Selbstsucht, und Selbstsucht drängt zur Selbst-Erhaltung. Diese Einstellung führt zur Gewalt, weil jene, die mehr haben als andere meinen, es gewaltsam verteidigen zu müssen. Die Kultur der Gewalt versucht durch Angst zu dominieren. Meine heutige Herausforderung ist es, Leute zu überzeugen, dass die Kultur der Gewalt eine zerstörerische Sichtweise ist, und dass die Kultur der Gewaltlosigkeit eine konstruktivere und positivere Lebensweise anbietet.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben!

Das Interview führte Simon Kamenowski

Übersetzung: bw

 

 

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